Praytime 06: unser Kapital

von Stefan Harrer

„Die Seele wandert in Sachen. Sachen erzeugen Zwänge. Zwänge verformen die Seele bis wir uns und einander fremd geworden sind. Der sich abhanden gekommene Mensch des industriellen Zeitalters weiß nicht mehr, worauf er sich bezieht. Wir sind Geiseln einer seelenlosen Dingwelt, die unsere Seelen kapert, weil sie uns zum Überleben braucht.“ Soweit Karl Marx, ein deutscher Philosoph, Ökonom und Gesellschaftstheoretiker Mitte des 19. Jahrhunderts. Diese Gedanken leben nun im Frühjahr 2020 auf eine erstaunliche Weise wieder auf. Da kommt nun dieser Corona-Erreger pandemisch daher und macht uns zu Geiseln seiner seelenlosen Virenwelt, kapert unser Leben, weil er uns zum Überleben braucht und zeigt uns dabei auf, wie wir zum Objekt unserer schönen, neuen Dingwelt geworden sind, wie das Haben unser Sein erdrückt hat, wie entfremdet wir uns selber und anderen geworden sind. Marxens Hauptschrift „das Kapital“ ist eine Analyse unserer kapitalistischen Ökonomie und Gesellschaft. Wenn man aber dem amerikanischen Vizegouverneur von Texas, Dan Patrick, dieser Tage so zuhört, könnte man meinen, wir haben daraus nichts gelernt. Dieser fordert, es könne nicht sein, dass die Wirtschaft der Corona-Krise geopfert werde. Man müsse wenigstens diskutieren, ob nicht die älteren Bürger geopfert werden sollten. Natürlich kann es sein, dass unsere Wirtschaft einen ungeheuren Schaden erleiden wird. Es kann aber auch sein, dass wir endlich unseren Kontrollverlust und was wirklich wichtig in unserem Leben ist erkennen. Dass ständiges Wachstum eine absurde Idee der Konsumgesellschaft ist, dass wir zu Marionetten der Wirtschaft geworden sind. Es wird Zeit zu spüren, was wir eigentlich tatsächlich brauchen: Gott – unser Kapital: selbstexistent, allgegenwärtig, allmächtig, allwissend, unveränderlich, souverän unendlich, ewig, heilig, gerecht, gütig, wahrhaftig, gnädig und in allem – Liebe. Nichts entgleitet seiner Kontrolle und der ihm vertraut, dem wird nichts begegnen, was der Allmächtige nicht wüsste und was nicht vorher durch den Filter seiner Liebe gegangen ist: „Das eine aber wissen wir: Wer Gott liebt, dem dient alles, was geschieht, zum Guten…“ (Röm 8, 28)

Impulse zum Gebet

Wir danken und loben Gott

  • dass wir ihm im Gebet zu allen Zeiten unser Herz ausschütten dürfen
  • dass er uns gemacht hat und uns seit Anbeginn der Zeiten kennt, unser Leben stets wohlwollend im Blick hat, auch in dieser Krisenzeit
  • für all die kleinen und großen Dinge, die mein Leben auch jetzt angenehm und schön machen
  • für seine Liebe zu uns Menschen, für seinen Sohn und Erlöser Jesus Christus der die Wahrheit, der Weg und das Leben ist

Gelobt und gepriesen seist Du Heiliger für alles was Du uns gibst, für deine Gnade und liebendes Erbarmen, denn es gibt nichts, dass nicht von Dir ist.

Wir bitten Gott

  • für Bewahrung und Schutz 
  • für die Eindämmung der Pandemie
  • für ein gutes Miteinander auch in der Entfernung
  • für alle, die durch die Coronakrise unmittelbar beeinflusst sind
  • für alle, die unsere Gesellschaft dieser Tage an vorderster Front am Laufen halten
  • dass Menschen in diesen Krisenzeiten neu aufbrechen zu Gott

Schluss:

O Gott, es gibt vieles, das ich nicht weiß. 

Es gibt vieles, das ich nicht durchschaue. 

Es gibt vieles, das ich nicht in der Hand habe.

Wenn ich mich ohnmächtig fühle, 

will ich einmal tief durchatmen und darauf vertrauen, 

dass ich nicht das Ganze bewältigen muss, sondern das tun kann, was mein Part ist.

Wenn ich verunsichert bin, will ich einmal tief durchatmen und darauf vertrauen, dass ich nicht alleine bin und dass unsere Weisheit gemeinsam reicher ist.

Wenn ich Angst habe, will ich einmal tief durchatmen und darauf vertrauen, dass ich nicht aus Gottes Nähe herausfalle, sondern dass Gottes Geist mir nahe ist.

Was ich weiß, ist: Mein Leben und meine Liebe und meine Würde reichen so viel weiter als das, was ich leisten oder tun kann.

Was ich sehen kann, ist: Nach jedem Winter kommt der Frühling und neues Leben wächst aus dem kalten Erdboden.

Was ich kann, ist tief durchatmen und dieser Welt Liebe einflößen, die sie so dringend braucht.

So will ich nicht vergessen und dafür tun: für andere sorgen. Vorsicht walten lassen. Vertrauen stärken. Den Glauben behalten! Amen.

Beitrag veröffentlicht am: 6.04.2020