Zuversicht (auch als Podcast zum Hören abrufbar)

Für den Podcast hier klicken

Palmsonntag, 05.04.2020 (von Markus Bauder, Esslingen)

Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn. (Ps 73,28) Amen

Präludium und erstes Lied: GB 7,1-4 (Wunderbarer König)

1. Wunderbarer König, Herrscher von uns allen, lass dir unser Lob gefallen. Deine Vatergüte, hast du lassen fließen, ob wir schon dir oft verließen! Hilf uns noch, stärk uns doch! Lass die Zunge singen, lass die Stimme klingen!

2. Himmel lobe prächtig deines Schöpfers Werke mehr als aller Menschenstärke. Großes Licht der Sonne, breite deine Strahlen, Gottes Herrlichkeit zu malen. Lobet gern, Mond und Stern, seid bereit zu ehren einen solchen Herren.

3. O du meine Seele, singe fröhlich, singe ihm, dem Schöpfer aller Dinge. Was da Odem holet, falle vor ihm nieder, singe Dank- und Freudenlieder. Unser Gott Zebaot ist allein zu loben hier und ewig droben.

4. Halleluja singe, wer den Herrn erkennet und in Christus Vater nennet. Halleluja singe, welcher Christus liebet, sich von Herzen ihm ergibet. Welch ein Heil ist dein Teil: Endlich wirst du droben ohne Sünd ihn loben.

Impuls

Liebe Geschwister,

ich möchte euch heute als erstes zu einer kleinen Übung einladen, die ich fast jeden Morgen beim Zähneputzen mache: auf einem Bein stehen. Macht das mal. Stellt euch auf das rechte Bein und zählt langsam auf zehn. Und dann auf das linke Bein. Wer die Schwierigkeit noch etwas erhöhen will, stellt sich dann auf den Fußballen. Zuerst rechts, dann links.

(Übung machen)

Spätestens jetzt wisst ihr, dass das eine ausgezeichnete Gleichgewichtsübung ist. Wer ungeübt ist, fällt leicht um. Gut, wenn man sich irgendwo festhalten kann. Und Ihr spürt, dass das anstrengend ist. Gleichgewicht halten ist für uns Menschen echte Arbeit. Die Muskulatur ist ununterbrochen damit beschäftigt, unsere Schwankungen auszugleichen. Ein höchst dynamischer Vorgang, alles andere als starr oder statisch. 

Ich habe gelesen, dass diese Art eines „flexiblen Gleichgewichts“ sehr viel stabiler ist als ein starres, statisches Gleichgewicht. Sogar Hochhäuser müssen wanken können um im Sturm stabil zu sein. Starre Dinge brechen leichter im Wind oder fallen um. Denkt an den Grashalm, der sich im Wind wiegt.

Ich möchte meine heutigen Gedanken unter die Überschrift „Zuversicht“ stellen. Und ich leite aus unserer kleinen Vorübung ein paar Gedanken zu Zuversicht ab:

1. Die Krise bringt uns (und unsere Zuversicht) aus dem Gleichgewicht.

2. Wer ungeübt ist, kann zu Fall kommen.

3. Wohl dem Menschen, der etwas oder jemand hat, an dem er sich festhalten kann.

4. Übung macht den Meister, aber üben ist auch ein bisschen anstrengend.

5. So verstanden kann uns unser „Wanken“ sogar stärker machen und unseren Glauben stabiler.

Der Psalm 73 ist für mein Thema eine sehr gute Grundlage. Da gerät ein Mensch in eine Krise und wankt ganz schön hin und her. Eine (Glaubens)Krise. Menschen geht’s gut, die es nicht verdient haben. Menschen geht’s schlecht, ihm auch, die es auch nicht verdient haben? 

Der Psalmist überlegt hin und her, bedenkt alles Mögliche, sieht das Gute, das Schwierige.

Fast wäre er gefallen – schreibt er. Und findet einen Halt. In Vers 17 heißt es: „…bis ich ging in das Heiligtum Gottes“. Gott wurde zu seinem Halt. Die Verbindung zu ihm stärkte ihn und half im Wanken Stabilität zu finden.

Aber man spürt ihm auch die Anstrengung ab.

Und die Zuversicht, dass ihn diese Krise stärker gemacht hat: Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott, den Herrn. Ja, er will das sogar weitergeben und anderen Mut machen.

——-

Dass wir in unserem Leben aus dem Gleichgewicht geraten, ist eigentlich nichts Besonderes. Als lebendige Wesen sind wir innerlich und äußerlich ständig in Bewegung und versuchen unser Schwanken auszugleichen. Automatisch. Wir sind nicht starr, sondern beweglich.

Aber zurzeit sind wir gewaltig aus dem Gleichgewicht geraten. Eine große Katastrophe ist über uns hereingebrochen. Die ständigen Nachrichten über die Ausbreitung des Virus. Die schiere Zahl der Infizierten und Toten. Der Stillstand in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Angst und Verunsicherung, die das bei Vielen auslöst. Die bange Frage, wie man hier wieder rauskommt und wieviele Jobs am Ende noch da sind. Für manche scheint die Krise weit weg zu sein. Andere kennen Betroffene, haben Angst um Angehörige.

Kannst Du Dich an etwas oder jemand festhalten? An Deinem Partner vielleicht, Deiner Partnerin? Deinen Eltern? Deinen Kindern? Einem Freund, einer Freundin? Wobei einem dies in diesen Zeiten ja auch schwer gemacht wird. Wir sollen ja unsere sozialen Kontakte reduzieren. Abstand halten. Nicht besuchen, nicht berühren und anfassen. Vor allem Menschen aus Risikogruppen nicht wie unsere alt gewordenen Eltern.

Manchmal gerne, manchmal gezwungenermaßen und unsicher üben wir uns in neuen Formen des Kontaktes und des Aneinanderfesthaltens ohne uns anzufassen…

Kannst Du Dich an Gott festhalten? Was heißt das überhaupt in diesen Zeiten? In Zeiten, in denen die Kirche auch dessen beraubt ist, was sie ausmacht, nämlich dass Menschen und Gott sich begegnen und füreinander da sind.

Für meine Frau und mich ist die „Praytime“ (Gebetszeit) am Montag und Freitag, 20.15-20.30 Uhr so ein wichtiger Halt geworden. Alles vor Gott und voreinander aussprechen, was einem Sorgen macht, was einen beschäftigt und wofür man dankbar ist.

Es gibt zurzeit sehr viele solche Impulse und Angebote im Internet. Manches kann für uns ein solcher Halt sein. Auch unsere Homepage enthält weitere Angebote. Andere Bezirke bieten Livestream-Gottesdienste und anderes an. Vielleicht ist auch dieser Sonntagsimpuls, den Du gerade liest oder hörst, ein solcher Halt. Ich wünsche es Dir.

Am Montag beginnt die Karwoche, der Höhepunkt der Passionszeit. Wir erinnern uns daran, dass Jesus einen Weg des Leidens gegangen ist. Dass er sogar gestorben ist. Dass ihm also unser Leiden, unsere Irritation und unser Aus-dem-Gleichgewicht-geraten nicht fremd ist.–

Und dann gibt es noch die höchst zufriedenstellende Erfahrung, dass man es tatsächlich schafft. Manchmal überlege ich, was ich wohl dieses Jahr an Silvester denken werde, wenn ich zurückschaue: wer hätte das gedacht, dass wir das so überstehen. Dass wir zwar manches verloren haben, aber auch manches gewonnen. Hoffentlich auch die Erkenntnis, dass selbst eine solch weltumspannende Krise uns nicht endgültig aus dem Gleichgewicht bringen kann, sondern wir das überstehen. Und sogar da und dort gestärkt daraus hervorgehen. Vielleicht am Ende sogar mit mehr Zuversicht als vorher. Und vielleicht mit neuen Ideen und Vorstellungen, wie wir als Kirche unseren Glauben leben können.

Auf die Karwoche folgt Ostern. Und damit die Einsicht, dass der Tod, nicht das letzte Wort hat. Unsere Hoffnung ist begründet.

Die Krise hat uns zwar aus dem Gleichgewicht gebracht, aber wir haben Halt gefunden. In Gott, in anderen Menschen. Auf die eine oder andere Weise. Sie hat unser Gottvertrauen und unseren Zusammenhalt gestärkt und nicht geschwächt. 

Ein Text von Hanns Dieter Hüsch begleitet mich seit vielen Jahren. Da hat einer, vermutlich nach vielen „Gleichgewichtsübungen“, eine gewisse Virtuosität im Ausbalancieren des Lebens gefunden. Eine Hoffnung für mich, dass es tatsächlich gelingen kann:

Ich bin vergnügt

Erlöst

Befreit

Gott nahm in seine Hände

Meine Zeit

Mein Fühlen Denken

Hören Sagen

Mein Triumphieren

Und Verzagen

Das Elend

Und die Zärtlichkeit

Was macht dass ich so fröhlich bin

In meinem kleinen Reich

Ich sing und tanze her und hin

Vom Kindbett bis zur Leich

Was macht dass ich so furchtlos bin

An vielen dunklen Tagen

Es kommt ein Geist in meinen Sinn

Will mich durchs Leben tragen

Was macht dass ich so unbeschwert

Und mich kein Trübsinn hält

Weil mich mein Gott das Lachen lehrt

Wohl über alle Welt

Dass Du immer wieder dieses flexible Gleichgewicht findest, vielleicht sogar die heitere Gelassenheit eines Hanns Dieter Hüsch, das ist meine Hoffnung, das wünsche ich Dir. Amen.

Gebet (Wochengebet der VELKD)

Wir halten dir unsere Herzen hin, Jesus Christus, wir strecken dir unsere Hände entgegen. Wir wollten dir entgegengehen, wir wollten mit dir laufen und hineinziehen in deine Stadt.

Aber wir können nur mit unseren Herzen zu dir kommen. Nur unsere Sehnsucht ist auf dem Weg zu dir. Nur unsere Gebete. Sie sind alles, was wir haben.

So beten wir für die Kranken für die, denen keine Medizin mehr helfen kann, für die, die einsam sterben, für die, die unter der Last dieser Tage zusammenbrechen. Komm zu ihnen mit deiner Liebe und heile sie.

So beten wir für die Menschen, die in Krankenhäuser und Pflegeheimen arbeiten, in Feuerwachen und Apotheken, in Kitas und Supermärkten, in Laboren und in Ställen, in Ämtern und Gemeinden. Komm zu ihnen mit deiner Freundlichkeit und behüte sie.

So beten wir für die Menschen, die in der Sorge dieser Tage in Vergessenheit geraten, die Flüchtlinge, die Opfer von häuslicher Gewalt, die Verwirrten und Missbrauchten, die Hungernden, die Einsamen. Komm zu ihnen und rette sie.

Wir halten dir unsere Herzen hin und danken dir für den Glauben. Wir danken dir, weil wir zu dir und zueinander gehören. Wir danken dir für die Zeichen der Liebe und Verbundenheit, für die freundlichen Worte, für die Musik. Wir danken dir für dein Wort und deine weltweite Kirche. Wir wollten dir entgegengehen und hineinziehen in deine Stadt.

Und wir erleben es: Du gehst mit uns durch diese Zeit Heute, in diesen Tagen der Passion, und jeden neuen Tag. Amen.

GB 371, 1.6-8 (Befiehl du deine Wege), Paul Gerhardt 1653

1. Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

6. Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt! Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken; erwarte nur die Zeit, so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.

7. Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht; bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl.

8. Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wir sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat.

Postludium

Bibeltexte zum Nachlesen: Psalm 73; (ergänzend: Matthäus 5,25-34)

Den nächsten Impuls für „Primetime wird zu Praytime“ findest Du am Montag, 6.4.20 auf unserer Homepage www.emk-esslingen.de

Beitrag veröffentlicht am: 4.04.2020