Wovon wir leben …

Sonntag, 10.05.2020 (Muttertag)

Impuls zu Matthäus 4,4; von Pastor Markus Bauder

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Kann man von Liebe länger leben als von Wasser und Brot?

Vielleicht kennt Ihr ja die Geschichte von Rainer Maria Rilke, dem Dichter:

Gemeinsam mit einer jungen Französin kam er um die Mittagszeit an einem Platz vorbei, an dem eine Bettlerin saß, die um Geld anhielt. Ohne zu irgendeinem Geber je aufzusehen, ohne ein anderes Zeichen des Bittens oder Dankens zu äußern als nur immer die Hand auszustrecken, saß die Frau stets am gleichen Ort. Rilke gab nie etwas, seine Begleiterin gab häufig ein Geldstück. Eines Tages fragte die Französin verwundert nach dem Grund, warum er nichts gebe, und Rilke gab ihr zur Antwort: „Wir müssen ihrem Herzen schenken, nicht ihrer Hand.“ Wenige Tage später brachte Rilke eine eben aufgeblühte weiße Rose mit, legte sie in die offene, abgezehrte Hand der Bettlerin und wollte weitergehen.

Da geschah das Unerwartete: Die Bettlerin blickte auf, sah den Geber, erhob sich mühsam von der Erde, tastete nach der Hand des fremden Mannes, küsste sie und ging mit der Rose davon.

Eine Woche lang war die Alte verschwunden, der Platz, an dem sie vorher gebettelt hatte, blieb leer. Vergeblich suchte die Begleiterin Rilkes eine Antwort darauf, wer wohl jetzt der Alten ein Almosen gebe.

Nach acht Tagen saß plötzlich die Bettlerin wieder wie früher am gewohnten Platz. Sie war stumm wie damals, wiederum nur ihre Bedürftigkeit zeigend durch die ausgestreckte Hand. „Aber wovon hat sie denn all die Tage, da sie nichts erhielt, nur gelebt?“, frage die Französin. Rilke antwortete: „Von der Rose . . .“

Von der Rose … leben …

Vielleicht habt Ihr schon von Menschen gehört, die in einer lebensbedrohlichen Notlage waren und nach ihrer Rettung erzählt haben, dass sie unter anderem deshalb überlebt haben, weil jemand auf sie wartete, den sie liebten.

Kann man von Liebe leben? Hält einen Liebe länger am Leben als Brot und Wasser? Kann man von einer Rose leben?

Als Jesus am Beginn seines öffentlichen Wirkens lange Zeit in der Wüste war, litt er extremen Hunger. Der Versucher trat an ihn heran und wollte ihn zu einem Wunder überreden: Du kannst doch aus Steinen Brot machen.

Jesus widersprach mit den Worten: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht.

Worte aus dem Mund des Gottes, von dem es in der Bibel heißt, dass er die Welt erschaffen hat. Durch seine Worte.

Und den Menschen erschaffen hat. Durch seine Worte. Und ihn am Leben erhält durch seine Worte. Und durch seine Liebe. Heißt es in der Bibel.

Was ich nicht will, ist Brot gegen Worte oder Liebe ausspielen. So als ob Menschen eigentlich nichts zu essen brauchen. Das kann sehr schnell sehr zynisch sein. Vor allem dort, wo so etwas reiche, satte Menschen zu ärmeren, hungrigen sagen. Wo Ungerechtigkeit herrscht. Von Luft und Liebe allein kann man natürlich nicht leben. Und zu wenig Brot und sauberes Wasser ist eben zu wenig.

Selbstverständlich braucht unser Körper genügend Essen und vor allem Wasser, um überhaupt überleben zu können. Um zu funktionieren. Um zu existieren. Sogar für unsere Seele ist Essen und Trinken wichtig. Hunger wirkt sich auf unsere Laune aus. Wer zu wenig getrunken hat, wird nach einem Schluck Wasser merken, dass die Lebensgeister zurückkehren und er sogar besser denken kann.

Rilke hat gesagt: „wir müssen ihrem Herzen schenken“. Das meint, dass wir Menschen Wertschätzung, Liebe und echte Aufmerksamkeit brauchen, um leben zu können. Natürlich brauchen wir auch Nahrung, Geld und andere materielle Mittel zum Leben. Aber sie genügen nicht. Das Herz eines anderen anzurühren oder gar zu sättigen, ist genauso wichtig für unser Leben.

Gott ist derjenige, der nicht nur unser Herz sieht, sondern es auch anrührt. Zum Beispiel in Form von Worten der Bibel. „Ich habe dich je und je geliebt. Ich habe dich zu mir gezogen aus lauter Güte, du bist mein.“

Oder durch Töne und Musik.

Oder durch Liedtexte.

Achte auf das, was Dir heute begegnet. Auch Blumen, Bäume, Vögel können zu Mitteln werden, mit denen Gott unser Herz erreicht.

Oder andere Menschen erreichen unser Herz. Auf gute und liebende Weise.

Wenn Du gerade in einer Kirche bist und diese Worte hörst oder liest – schau dich um und nehme wahr, dass Gott dich hier durch ganz unterschiedliche Dinge ansprechen will. Dein Herz erreichen will.

Um dir zu zeigen, zu sagen oder dich spüren zu lassen: Du bist geliebt. Bis in alle Ewigkeit.

Heute ist Muttertag. Der Tag, an dem wir alle daran erinnert werden, dass wir eine Mutter haben und sie es war oder ist, die uns zum ersten Mal im Leben Beziehung und, hoffentlich, Liebe geschenkt hat. Nicht nur Nahrung, sondern das, was unser Herz erreicht hat. In unseren Müttern wird sichtbar, was Gott sein will: derjenige, der unserem Leib Leben geschenkt hat, aber auch derjenige, der unser Herz nährt. Indem er uns liebt, wertschätzt, achtet und würdigt.

Die Rose, die sich heute jede und jeder in der Kirche mitnehmen darf, soll uns daran erinnern und diesen Gedanken in uns wachhalten. Wenn Du jemanden hast, dem Du eine Rose weitergeben kannst, nimmst Du eine mehr mit.

Ich wünsche Dir, dass Dir heute viele Zeichen dieser Liebe begegnen und lade Dich ein, diese Zeichen der Liebe und gegenseitigen Wertschätzung auch weiterzugeben.

An deine Mutter, aber auch an andere Menschen.

Auch wenn eine Rose Brot und Wasser nicht ersetzt, so nährt sie doch unsere Seele und unser Herz und schenkt uns Kraft. Kraft zum Leben, zum Aushalten, zum Wiederlieben. Freude und Zufriedenheit, Mut für Entscheidungen. Darüber haben manche sogar essen und trinken vergessen…

Gott segne dich. Amen

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