Predigt vom 28.02.2016 – Markus 14,66-72 (verleugnet)

In der heutigen Predigt geht es wieder um einen Abschnitt aus dem Buch „24Stunden – der Tag der Welt veränderte“. Wir beschäftigen uns damit als Bezirk in der Passionszeit. Wir tun dies auch in Gemeindegruppen.

Der heutige Abschnitt beschäftigt sich mit zwei Situationen. Einmal die Geschichte, in der Jesus zum Tod verurteilt wird. Weil er behauptet hat, dass er der Messias sei. Es waren nicht die Bösen, die Jesus verurteilt haben, sondern die klügsten und frömmsten Köpfe damals. Leute, die es durchaus ernsthaft gemeint haben und die vermutlich tatsächlich dachten, sie täten damit das Richtige.

Die zweite Situation der Geschichte handelt von Petrus, wie er Jesus verleugnet. Der treuste und mutigste Jünger Jesu ist ihm zwar hinterhergeschlichen – anders als die anderen. Aber als es zur Konfrontation kommt ist er eingeknickt. „Ich – nee, ich kenn den nicht. Da gehör ich nicht dazu…“

Auf Bildern sieht man es manchmal, dass danach nicht nur der Hahn zum zweiten Mal kräht, sondern Jesus ihn auch noch anschaute. Im Lukasevangelium wird von diesem Blick erzählt. Ihre Blicke begegnen sich und dann bricht der rauhbeinige Fischer und Anführer der Jünger zusammen.

Weil wir uns letzte Woche in der offenen Gemeindegruppe ausführlich mit der Verurteilung Jesu durch den Hohen Rat befasst haben, beschäftige ich mich heute mit der Verleugnung Jesu durch einen seiner besten Freunde.

Dieser Zwischenfall ist einer der wenigen, der in allen Evangelien erzählt wird. Also können wir davon ausgehen, dass er wichtig ist. Und wir können ebenfalls davon ausgehen, dass diese Geschichte nicht erzählt wird, um Petrus zu beschämen oder schlecht zu machen. Denn vermutlich hat sie ja sogar Petrus selbst weitererzählt. Er war ja der einzige in der Kirche, der diese Geschichte kannte. Und die Evangelien wurden ja auch erst fertig geschrieben als Petrus längst als Märtyrer an einem Kreuz gestorben war. Er ist also kein weiteres Mal ein Verleugner Jesu geworden ist.

Man kann davon ausgehen, dass diese Geschichte für Petrus einer der wichtigsten und prägendsten Einschnitte in seinem Leben war. Der ihn vielleicht mehr verändert hat als viele andere Erlebnisse mit Jesus.

Petrus, der Verlierer – der Gescheiterte. Heute also Worte für die Verlierer und Gescheiterten. Ich habe ein Weilchen überlegt, ob man eine solche Predigt halten kann … Man kann nicht nur, man muss…

Man muss deshalb, weil Niederlagen und Scheitern im Leben viel schlimmer ist als das meiste andere. Und weil das eben auch den Glaubenden passiert.

Wobei das vielleicht auch nur eine Vermutung ist und es anderen gar nicht so geht. Bei mir ist es allerdings so, dass ich in früheren Zeiten ein ganz schlechter Verlierer war. Inzwischen hab ich dazugelernt. Ich bin ein nicht mehr ganz so schlechter Verlierer. Und meist nur ganz kurze Zeit…

Aber auch heute noch möchte ich nicht wirklich zu den Verlierern gehören. Selbst wenn es sich nur um „Mensch ärgere Dich nicht“ handelt.

Im Sport und Spiel – da gehört es dazu, dass man gewinnt und verliert. Aber nicht nur dort. Auch in unserem Leben ist es oft so, dass – vor allem Männer – das Leben als eine Herausforderung begreifen, in der es eben auch ums Gewinnen oder Verlieren geht.

Sei es im Berufsleben. Man muss erfolgreich sein. Das Spiel und die Regeln beherrschen und verstehen. Und es ist selbstverständlich, dass man fast ständig versucht, sein Leben und seine Arbeit so zu gestalten, dass man sich zu den Gewinnern oder zumindest zu den Guten rechnen kann.

Selbst im Glauben ist das so. Männer reden auch da nicht gern von ihren Niederlagen. Schwächen spielen kaum eine Rolle. Wir tun lieber so als sei alles in Ordnung.

Nun möchte ich heute mit euch über eine Situation nachdenken, die ziemlich unangenehm ist. Nämlich die, wenn klar ist, dass man verloren hat. Das Spiel ist aus und es gibt keine Möglichkeit mehr, das Blatt noch einmal zu wenden. Auch wenn es viele Gründe für eine Niederlage geben kann, der schale Geschmack, dass man auch selbst schuld ist, ist immer da. Man hat die falsche Strategie gewählt, war nicht gut genug, hat Fehler gemacht, hat sich überschätzt. Aus die Maus.

Man ist als Kandidat bei einer Wahl gescheitert. Die konkurrierende Firma hat den Auftrag bekommen.

Oder man ist in der Ehe, bzw. Beziehung gescheitert.

Oder Petrus. Weinend und am Ende. Schlimm hat es ihn getroffen. Von seinem Scheitern können wir seit über 2000 Jahren lesen. Und jeder Hahn auf einer Kirchturmspitze erinnert in aller Welt an die Niederlage des Petrus.

Ich verstehe das, was hier mit dem Petrus passiert, als Niederlage. Er war guten Willens. Hat die Herausforderung gesucht und angenommen. Sogar Jesus gegenüber. „Und wenn alle anderen einknicken – ich nicht!“ Im Gegensatz zu seinen anderen Jüngerkollegen. Er hat gedacht, dass er Jesus nicht allein lassen kann und will. Er wollte dabei bleiben. Und dann passiert es. Unerwartet. Auf dem falschen Fuß erwischt worden. Er hat seine Fähigkeiten falsch eingeschätzt. Hat sich überschätzt. Hat vielleicht auch das Risiko falsch eingeschätzt. Und dann war es passiert. Der Schrei des Gockels und der Blick Jesu machen Petrus sein Scheitern bewusst. Unwiderruflich.

Habt ihr schon einmal nach einer richtigen persönlichen Niederlage in den Spiegel geschaut? Das ist nicht besonders angenehm.

Sich eingestehen, dass man derjenige ist, der verloren hat. Und dass das auf ewig so bleiben wird. Dass man derjenige ist, der an diesem Tag in dieser Situation verloren hat.

Wenn man mit einem Projekt im Beruf scheitert. Und alle es mitkriegen und wissen. Wenn man eine Wahl verliert. Z.B. auch in der Gemeinde. Wenn man sich klarmachen muss, dass andere den Vorzug bekommen haben.

Wenn man mit seinen Idealen scheitert und sich eingestehen muss, dass man das, was man sich für seine Ehe, in der Familie oder persönlich vorgenommen hat, nicht mehr erreichen wird. Und dass man es nicht ändern kann. Nicht mehr.

Das ist bitter.

Das ist bitter für Menschen, die ihre Arbeit verloren haben.

Jede Niederlage offenbart uns, dass wir nicht gut genug sind, das andere besser sind, dass wir an einer Herausforderung gescheitert sind.

Vielleicht gelingt es uns ja, so etwas ohne Schuldgefühle anzuschauen.

Aber selbst dann war das Glück oder das Schicksal eben auf der anderen Seite.

Oder, was vielleicht auch nicht besser ist, es war Gottes Wille.

Gott hat die Niederlage des Petrus nicht verhindert. Nicht verhindern wollen. Nicht verhindern können. Sie gehört von diesem Augenblick an zum Leben des Petrus. Für immer und ewig.

Aber wie geht es jetzt weiter? Wenn man so verloren hat.

Manche Menschen zerbrechen daran. An den Niederlagen in ihrem Leben. Ich denke, wir sollten uns bewusst machen, dass beileibe nicht alle Menschen durch Niederlagen stärker werden. Kinder, oder Menschen, die in der Kindheit, zuhause oder später in der Schule zu viele Niederlagen einstecken mussten und müssen, kommen nicht mehr auf die Beine. Sie bleiben liegen. Haben keine Kraft mehr. Haben ein beschädigtes Selbstwertgefühl.
Ich denke, dass auch die Zunahme von psychischen Erkrankungen, wie z.B. Depressionen darin eine Ursache haben. Oder die ganze Suchtproblematik.

Ist die eigene Lebenssubstanz zu gering, helfen alle Appelle an den guten Willen nicht mehr weiter.

Viele kommen nicht an den Punkt, wo sie sich ihre Niederlage eingestehen können. Sie suchen andere, die Schuld haben. Oder die Umstände. Früher war ich regelmäßig im Schwimmtraining, da gab es einen, der fast in jedem Training eine andere Erklärung dafür parat hat, warum es heute nicht läuft.
Man kann für manche Schwächen, Fehler oder Niederlagen sehr gut ein Leben lang die eigenen Eltern verantwortlich machen. Die schlechte Kindheit ist schuld, dass man gewalttätig ist, dass man trinkt, dass man die Ausbildung abbricht, dass man selbst nicht in die Gänge kommt.

Eine erschreckend hohe Zahl von Pastoren wird wegen Erschöpfungszuständen krankgeschrieben. Burn out. Weil sie die Signale nicht rechtzeitig wahrgenommen haben. Sich nicht eingestehen können, dass es zu viel ist, dass sie es eben nicht mehr schaffen. Oft auch, weil man das kleinere Werden der Gemeinde nicht verhindern kann. Auch so eine Niederlage, die einen zermürben kann.

Natürlich kann man die Niederlage auch als Chance nutzen. An Niederlagen kann man eine Menge lernen, das einem für die Zukunft hilft. Will man das Leben einigermaßen meistern, kommt man um diesen Schritt nicht herum. Sportler haben das normalerweise gelernt. Und natürlich auch viele andere. Menschlich gesehen sicher das Beste, was man tun kann. Was einem am meisten hilft. Erfolgreiche oder auch zufriedene Menschen sind selten solche, die nie verlieren, sondern eher solche, die es gelernt haben, aus ihren Niederlagen zu lernen. Fehler vermeiden, Strategien verändern, die eigenen Fähigkeiten verbessern.
Starke und gesunde Menschen können das. Und man kann dies von ihnen vielleicht auch erwarten.

Wenn man so an Niederlagen herangehen kann, werden sie einem nicht schaden, sondern helfen. Niederlagen so verstanden, sind wichtige Lehrmeister.

Ich glaube, es ist wichtig, dass wir verlieren lernen. Hoffentlich gehen wir mit vielen Niederlagen in unserem Leben auf diese Weise um.

Aber wir sollten diese Strategie, so richtig sie vielleicht auch ist, noch nicht mit christlich verwechseln. Menschlich gesehen, die beste Möglichkeit, mit Niederlagen umzugehen. Aber bei Petrus ist mir noch etwas anderes, wichtigeres aufgefallen.

Petrus ist durch sein Scheitern am Boden zerstört. Er hat sein Scheitern erkannt. Und jetzt?

Im Markusevangelium: 16,7: der Engel im Grab sagt zu den Frauen: „Geht hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass Jesus vor euch hergehen wird in Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen wie er euch gesagt hat.“

Und etwas später heißt es: Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und sprach: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur….“

Im Johannesevanglium wird am Ende noch viel von Petrus die Rede sein als Jesus ihn fragt, ob er, Petrus, Jesus liebt…

Ich verstehe das, was da passiert so: Jesus oder Gott selbst lässt Petrus wissen, dass er auch mit dieser Niederlage dazugehört. Der Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gibt, geht selbstverständlich auch an Petrus. Im Johannesevangelium wird’s etwas ausführlicher, aber im Grunde erscheint hier Petrus in keiner Weise benachteiligt dadurch, dass er Jesus verleugnet hat.

Die Niederlage hatte keinerlei Auswirkungen auf die Meinung, die Jesus oder Gott von Petrus hatte, hatte auch keine Auswirkungen auf die Liebe, mit der Gott Petrus angeschaut hat. Und Petrus gehört einfach auch weiterhin dazu. Mit seiner Niederlage. Natürlich ist es normal, dass Petrus erst mal abtaucht, aber als er wieder auftaucht, ist er wie immer dabei.

Das ist für mich die wichtige Botschaft für alle Verlierer: ihr gehört dazu. Selbstverständlich. Warum denn auch nicht. Eine Niederlage ist eine Last, eine Narbe. Aber dadurch steht weder unser Menschsein in Frage, noch die Frage, ob Gott uns liebt, noch ob wir wertvoll sind.

Es geht weiter. Mit der Niederlage.

Gibt es noch mehr dazu zu sagen? Nein – außer vielleicht, dass sich aus dem Gesagten ergeben könnte, dass Niederlagen zum Leben und zum Menschsein dazugehören. Dass Gott das weiß und wir deshalb ihm gegenüber und in Folge davon auch anderen gegenüber durchaus offen mit unseren Niederlagen umgehen können. Auch als Christen und Gemeinden. Eine Gemeinde Jesu ist solidarisch mit den Verlierern. Sie haben selbstverständlich dort einen Platz. Wie alle anderen auch. Amen

Copyright Pastor Markus Bauder, Februar 2016

Beitrag veröffentlicht am: 15.09.2016