Predigt vom 14.02.2016 – Bezirksgottesdienst Berkheim

Text/Thema: Das letzte Abendmahl („24Stunden-Aktion“) = Wer wir sind! Mk 14, 12-26

Kurze Einführung, warum dieses Thema heute…
Ich muss zugeben, es ist auch für mich ungewöhnlich, schon zum Beginn der Passionszeit über das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern nachzudenken. Das kommt bei uns ja eigentlich erst mit dem Gründonnerstag und dann am Karfreitag.
Ungewöhnlich für mich ist auch, in einem Gottesdienst über Abendmahl nachzudenken und es dann nicht zu feiern. Allerdings ist es ja auch so gedacht, dass mit dieser Predigt auch ein Gespräch über das letzte Abendmahl eingeleitet werden soll. Ihr sollt bei der Lektüre des Buches und in der nächsten Woche in einer Kleingruppe über das Abendmahl nachdenken und weiterdiskutieren. Und da ist es vielleicht ganz gut, wenn man das erst einmal abwartet. Nächsten Sonntag feiern wir dann in Esslingen und Hegensberg Abendmahl, in Berkheim eine Woche später.
Sehr spannend, weil für mich ein bisschen neu – zumindest habe ich das in dieser Konzentration noch nicht so gesehen – ist, dass für Adam Hamilton das Abendmahl für uns als Christen identitätsstiftend ist. Im Abendmahl wird deutlich, was und wer wir als Christen sind.
Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass im Abendmahl etwas über Jesu, bzw. Gottes Handeln, Wesen und Sein deutlich werden soll. Dass wir ihn im Abendmahl erleben und erfahren. Was sicher auch richtig ist.
Hamilton beschreibt noch einmal konzentrierter und vor allem auf uns als Christen bezogen: im Abendmahl wird eben nicht nur deutlich, wer Gott ist und was er für uns getan hat, sondern da wird deutlich wer wir sind und wie wir sein sollen. Man könnte auch sagen, im Abendmahl verdichtet sich der christliche Glaube. Das Wesen des Glaubens wird dabei deutlich. Nicht nur Gott ist dabei wichtig, sondern wir werden mitten hineingezogen in ein Geschehen, das etwas über uns als Christen sichtbar machen will. Es passiert etwas im Abendmahl. Hamilton bezeichnet deshalb das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Jüngern gefeiert hat, als Geburtsstunde eines neuen Volkes.
Daraus folgt übrigens ganz nebenbei, dass man das Abendmahl viel häufiger feiern sollte als wir es tun. Ein Trend, den man in unserer Kirche zurzeit durchaus an verschiedenen Stellen beobachten kann. Eine kirchliche Kommission arbeitet anscheinend gerade an einem Gottesdienstentwurf, bei dem daran gedacht ist, in jedem Gottesdienst Abendmahl zu feiern.
Im März bin ich auf einer Fortbildung zum Thema Gottesdienst, wo ich diesen Entwurf mal näher kennenlernen kann…
Ich möchte uns heute zeigen, wie Adam Hamilton das letzte Abendmahl versteht und welche Bausteine, bzw. Perspektiven für ihn dazugehören.
Das Abendmahl hat seinen Ursprung im Passamahl – das haben wir sicher schön öfter gehört. Jesus feiert mit seinen Jüngern das Passamahl und gibt ihm eine neue Bedeutung. Aber er löst die ursprüngliche Bedeutung nicht einfach auf. Das Passamahl ist die Geburtsstunde des Volkes Israel. Es erinnert an den Auszug aus Ägypten. Daran, dass Gott sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit geführt hat.
Im Abendmahl werden auch wir in die Freiheit geführt.
Wir sind damit nicht mehr nur Menschen dieser Erde und eine Gemeinschaft, die sich darin erschöpft, Berkheimer oder Esslinger zu sein. Also Bürgerinnen und Bürger eines bestimmten Ortes.
Wir sind damit auch nicht mehr Menschen, die nur den Bedingungen dieser Welt unterworfen sind. Also Menschen, die berufstätig sind, Steuern zahlen, arbeitslos werden, krank sind, Studierende oder Schüler.
Nein, wenn wir Abendmahl feiern, werden wir zu Gottes Volk. Zu Menschen, die zu einem neuen Volk gehören. Wir gehören zur Christusgemeinschaft. Wir werden zu Menschen, die wie damals die Jünger, mit Jesus zusammen sind. Wir teilen die Gemeinschaft mit ihm. Er ist auch heute noch unser Gastgeber und im Abendmahl in unserer Mitte. Wir werden Teil eines Geschehens.
Aber, diese Freiheit ist eine, die erkauft ist. Die einen hohen Preis gekostet hat. Und vielleicht manchmal immer noch kostet. Christus hat für uns gelitten und ist für uns gestorben. Wenn wir Abendmahl feiern, lassen wir uns auf diesen Freikauf ein.
Eines Geschehens, dessen Perspektive bis in die Ewigkeit reicht. Jesus sagt selbst: Mich hat herzlich verlangt, dies Passalamm mit euch zu teilen. Ich werde es nicht mehr essen bis ich es in der Ewigkeit mit euch teile. Jedes Mal, wenn wir sagen, dass wir Abendmahl zu seinem Gedächtnis feiern, erinnern wir uns an diese Perspektive, die in der Zukunft liegt.
Abendmahl nimmt uns hinein in die Gemeinschaft der von Gott Freigekauften. Eine Gemeinschaft, die erst in der Ewigkeit vollendet wird.
Ein weiteres: die Abendmahlsgemeinschaft ist nicht nur eine Gemeinschaft, die eine Perspektive für die Ewigkeit hat. In ihr soll auch deutlich werden, was Christsein in unserer Gegenwart bedeutet.
Jesus schickt zwei seiner wichtigsten Leute vor, um das Passamahl vorbereiten zu lassen. Petrus und Johannes. Beide sollen einen Sklaven- bzw. Dienerdienst tun. Denn die Suche eines Raumes und die Vorbereitung des Mahles war ein Dienergeschäft.
Bei Lukas wird dann sogar noch erzählt, wie die Jünger, als sie schon am Tisch sitzen, darüber streiten, wer von ihnen wohl der größere und wichtigere sei.
Bei Johannes wird erzählt, wie Jesus zu Beginn des Mahles aufsteht, einen Schurz und eine Schüssel Wasser nimmt und beginnt, seinen Jüngern die Füße zu waschen.
Was sind wir doch immer wieder hineinverwickelt in Standesdünkel, Gerangel um Positionen, um oben und unten. Jeder will sein Stückchen Anerkennung. Und will einen Ort, an dem er glänzen kann. Und die wenigsten wollen dienen. Wollen Arbeiten verrichten, die unter ihrer Würde liegen, oder unter ihrer Qualifikation.
Hamilton erzählt in seinem Buch, wie ein reicher Unternehmer etwas für Jesus tun wollte und dann von seinem Pastor in die Armenküche geschickt wurde, um für Arme das Essen vorzubereiten. Dieser ließ sich trotz seiner Stellung darauf ein und es veränderte ihn tatsächlich sehr zum Guten.
Wir wissen nicht, ob Petrus und Johannes gezuckt haben, als sie für diesen Sklavendienst ausgesucht wurden, es ist aber auch klar, dass sie für die ersten Christen die zwei wichtigsten Jünger waren. Jesus macht deutlich: Abendmahlsgemeinschaft ist Dienstgemeinschaft. Zuallererst Dienstgemeinschaft und dann Mahlgemeinschaft. Dient einander. Und er macht es seinen Jüngern dann vor, indem er ihnen die Füße wäscht.
In Hegensberg und Berkheim scheint es kein Problem zu sein, in Esslingen ist es gerade etwas mühsamer, Menschen zu finden, die das Abendmahl vorbereiten. Die im Grunde den Dienst tun, den Petrus und Johannes für Jesus und die Jünger tun.
Eine wichtige Aufgabe, ein wesentlicher Bestandteil von Abendmahl. Dienst aneinander.

An dieser Stelle gebührt allen ein ganz herzliches Dankeschön, die unsere Abendmahlsfeiern immer wieder, teilweise auch in großer und langjähriger Treue vorbereiten und auch hinterher wieder aufräumen.
Christen sind Menschen, die einander und den Menschen dienen. Die mitunter Aufgaben wahrnehmen, die nicht besonders geachtet sind, die mitunter aufwändig sind, die man auch nicht immer sieht. Und ohne die doch eine Gemeinschaft nicht funktioniert.
Ein Hoch auf alle, die immer wieder Kuchen backen, Geschirrtücher waschen, in der Küche stehen, Abendmahl herrichten, Gesangbücher aufräumen, die Räume heizen, die Klos putzen und sauber machen, das Plätzle richten und was es sonst noch an Diensten in unseren Gemeinden gibt.
Abendmahl feiernde Menschen sind Leute, die einander dienen und anderen Menschen dienen. Und mitunter Aufgaben wahrnehmen, für die sie eindeutig „überqualifiziert“ sind.
Ein weiteres will ich hinzufügen: Abendmahl bedeutet, dass Jesus mit Menschen Gemeinschaft haben will, die unvollkommen sind. Ja, die ihn sogar verraten. Obwohl Jesus wusste, dass Judas ihn verraten und Petrus ihn verleugnen wird, hat er sie nicht vom Tisch gewiesen. Der eine wusste wahrscheinlich schon, was er anrichten wird, der andere war noch sehr von seiner Standhaftigkeit überzeugt. Beide haben trotzdem getan was sie getan haben. Sie sind unvollkommen. Und dazwischen Jünger, die um ihre Größe rangeln.
Das kennzeichnet dieses neue Volk, dass es lauter Sünder sind – ganz normale Menschen wie du und ich. Und die durch das Abendmahl ja auch nicht einfach bessere Menschen werden. Auch wenn sie sich das mitunter wünschen.
Wenn wir davon ausgehen, dass Jesus uns durch und durch kennt, dann ist ihm auch klar, dass keiner von uns ganz gut ist. Wir denken mitunter böse, manchmal handeln wir auch böse. Natürlich selten böse in einem strafrechtlichen Sinn, aber das Böse beginnt bereits, wo wir schlecht über andere Mitmenschen denken.
Er weiß, was wir denken und tun. Nicht dass er das alles gut findet, aber er lädt uns trotzdem an seinen Tisch. Dieses Zeichen ist wichtig. Es signalisiert uns, dass niemand so schlecht ist oder ungläubig oder kleingläubig, dass Jesus ihn vor die Tür setzen würde. Gewiss muss klar sein, dass an diesem Tisch Frieden herrscht, aber einen freien Platz findet hier jede/r, der will.
Der Sinn dieses Handelns ist, dass die Gemeinschaft am Tisch des Herrn immer auch zeigt, dass es einen Ausweg gibt. Dass Böses, das geschieht, nicht das letzte Wort ist, das unter Christen gesprochen wird. Bei allem, das wir uns immer mal wieder antun, auch gegenseitig, können wir uns immer am Tisch des Herrn treffen und Frieden schließen. Im Abendmahl wird uns nicht nur durch Gott Schuld vergeben, wir können uns auch gegenseitig vergeben und wieder von vorne miteinander beginnen.
„Zu seinem Gedächtnis“ – das ist ja ein Unterschied zwischen der katholischen Lehre und unserer. Bei uns verwandelt sich Brot und Wein nicht in Fleisch und Blut Jesu, es bleibt Brot und Saft. Ich verstehe Hamilton so, dass er einmal davon ausgeht, dass im Abendmahl Christus damals wie heute anwesend ist und wir tatsächlich in seiner Gegenwart Abendmahl feiern. Diese Gegenwart ist einmal eine geheimnisvolle, tatsächliche Anwesenheit. Aber wir können sie uns auch so vorstellen, dass wir beim Abendmahl an Jesus denken.
Hamilton vergleicht das mit anderen Bräuchen, die es bei uns gibt, wenn jemand, den wir liebhaben, nicht mehr da ist. Wir stellen ein Zimmer nicht um, wir behalten Kleidungsstücke oder es gibt an den Wänden Fotos vom verstorbenen Mann oder der geliebten Frau. Oder, es ist ein Lieblingsessen, das der Verstorbene hatte und jedes Mal, wenn wir es zubereiten, ist der Verstorbene im Geist anwesend. Erinnerungen kommen hoch, seine oder ihre Anwesenheit ist fast spürbar.
Früher soll es wohl auch unter Christen da und dort den Brauch gegeben haben, beim Essen ein Gedeck mehr aufzulegen, als Esser da sind. Um sich bewusst zu machen, dass immer noch ein Weiterer mit am Tisch ist. Jesus Christus, unsichtbar und doch gegenwärtig.
Mir ist wichtig, dass „zu seinem Gedächtnis“ mehr ist als ein Einfaches dran denken, was Jesus für uns getan hat. Er ist tatsächlich unser Gastgeber und unsichtbar in unserer Mitte.
Ein letztes: Hamilton beschreibt, wie Jesus und seine Jünger am Ende des Mahles singend in die Nacht hinausgehen. In die Nacht, die Leid und Tod bringen wird. Und Jesus weiß das. Und er singt trotzdem mit seinen Freunden dieses Lob- und Danklied aus Psalm 118 – wir haben es eingangs auszugsweise gelesen.
Hamilton schreibt: das ist eine Erfahrung, zu der man einladen kann. Ein Lob- und Danklied auf den Lippen zu haben, auch wenn man in die Nacht geht, hilft einem. Es ist ein starkes Signal gegen das Böse. Und es hilft uns, am Vertrauen auf Gott festzuhalten. Vielleicht pfeift man deshalb, wenn man in den dunklen Keller geht oder durch einen dunklen Wald muss. Aber im Ernst, als Petrus und Silas im Gefängnis waren, hat sich ihre Situation geändert als sie mitten in der Nacht Loblieder sangen. Sie wollten der Dunkelheit und dem Bösen nicht die Macht über ihre Leben überlassen. Sie wollten der Dunkelheit ihren Glauben gegenüberstellen.
Ein mutiges Zeichen und ein Rat, der durchaus hilft. Deshalb finde ich das Singen eines Chores im Krankenhaus oder im Altersheim nicht nur nett, sondern ein sehr wichtiges Zeichen. Eine wichtige Hilfe für Menschen, die gerade schwierige Zeiten durchleben.
Das Abendmahl endet mit einem Loblied, wohl wissend, dass das Leben kein Schlotzer ist und wir mitunter schon am Sonntag wissen, dass der Montag nicht gut wird. Trotzdem sollten wir singen. Weil es das ist, was uns im Abendmahl nahegebracht werden soll: Christus ist mit Dir, egal was kommt. Die Gemeinschaft des Volkes Gottes ist stärker als die Dunkelheit. Nicht, weil wir so toll wären, sondern weil Gott uns hält und wir nie tiefer fallen werden als in seine Hand.
Das letzte Abendmahl ist die Geburtsstunde eines neuen Volkes. Eines Volkes, das einander dienen will und den Menschen. Eines Volkes, das sich in aller Unvollkommenheit gegenseitig immer wieder annimmt. Eines Volkes, das Jesus Christus und das, was er getan hat, regelmäßig im Gedächtnis behält und das auch im Dunkeln versucht, auf Gott zu vertrauen.
Im Wissen, dass er, besonders im Abendmahl, aber auch im ganzen Leben, unsichtbar gegenwärtig ist und uns hält und trägt bis in alle Ewigkeit.
Amen

Copyright Pastor Markus Bauder, Februar 2016

Beitrag veröffentlicht am: 15.09.2016