Predigt vom 03.04.16 ES; 10.04.13 HE 1. Petrus 1, 3-9 (Lebendige Hoffnung)

Es geht mir heute Morgen um das wichtige Thema „Hoffnung“. Man sagt so einfach „Die Hoffnung stirbt zuletzt“. Und uns allen ist klar, wenn es in einer Situation erstmal keine Hoffnung mehr gibt, dass sie eigentlich auch schon am Ende ist. Adam Hamilton zitiert in seinem Buch „24Stunden – der Tag, der die Welt veränderte“ einen Arzt, der in einem Buch geschrieben hat: „Hoffnung gibt uns den Mut, uns unseren Umständen zu stellen, und die Fähigkeit, sie zu überwinden. Für alle meine Patienten erweist sich Hoffnung, echte Hoffnung, als genauso wichtig wie jedes Medikament, das ich verschreibe, oder jede Behandlung, die ich durchführe“. Ein Zitat, das ich mal gelesen habe, lautet „Ohne Hoffnung ist man nur ein Toter auf Urlaub“.

Dieser Tage habe ich eine Geschichte gelesen, die geht so: Ein Mensch verirrte sich in der Wüste. Die unbarmherzige Sonnenglut hatte ihn ausgedörrt. Da sah er in der Entfernung eine Oase. Aha, eine Fata Morgana, dachte er, eine Luftspiegelung, die mich zum Narren hält, die gar nicht da ist. Er näherte sich der Oase, aber sie verschwand nicht. Er sah immer deutlicher, die Dattelpalmen, das Gras und vor allem die Quelle. Natürlich eine Hunger-Phantasie, die mir mein halb wahnsinniges Gehirn vorgaukelt, dachte er. Jetzt hörte er sogar das Wasser sprudeln. Eine Täuschung meiner Ohren, dachte er. Kurze Zeit später fanden zwei Beduinen ihn tot da liegen. „Kannst du so etwas verstehen“, fragte der eine den anderen. „Die Datteln wachsen ihm beinahe in den Mund, und dicht daneben verhungert er. Er fällt beinahe in die Quelle hinein. Und dicht daneben verdurstet er. Wie ist das möglich?“ Da antwortete der andere: „Er war ein Mensch ohne Hoffnung.“

Für uns Menschen ist Hoffnung überlebenswichtig. Wir Christen sind hier in einer bevorzugten Situation, denn Hoffnung gehört zu den Hauptsäulen des Glaubens. In unserem Predigttext, gleich zu Beginn des 1. Petrusbriefes heißt es: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! In seinem großen Erbarmen hat er uns neu geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt. Diese Hoffnung gründet sich darauf, dass Jesus Christus vom Tod auferstanden ist“.

Gerade weil Hoffnung ein Grundelement christlichen Glaubens ist kann der Schreiber dann im dritten Kapitel des 1. Petrusbriefes sogar schreiben: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“ (3,15).

Das Thema Hoffnung ist also nicht nur ein allgemein menschliches, sondern im Besonderen auch ein christliches. Der Schreiber des 1. Petrusbriefes geht davon aus, dass Christen Hoffnung haben. Hoffnung, über die wir anderen Menschen erzählen können. Hoffnung, die an Ostern ihren Anfang nimmt. Hoffnung, die für alle Menschen lebensnotwendig ist und die natürlich vor allem in hoffnungslosen Zeiten wichtig wird.

Sind wir Menschen der Hoffnung? Sind wir solche, die in unserer Umgebung vor allem durch unsere Hoffnung auffallen? Was ist das überhaupt – christliche Hoffnung? Kann man Hoffnung haben, angesichts von Terroristen, die Familien, Frauen und Kinder auf einem Spielplatz wegen ihres christlichen Glaubens zu Tode bomben? Und was unterscheidet diese Hoffnung möglicherweise von einer billigen Vertröstung auf das Jenseits? Dem will ich ein wenig nachgehen.

Nun könnte man meinen, dass das für die ersten Christen leichter war als für uns. Damals war die Auferstehung Jesu Christ ja noch ganz frisch und viele Menschen glaubten, dass sie nicht sterben werden, ehe Jesus die ganze Welt erneuern würde. Inzwischen sind über 2.000 Jahre vergangen…

Ich würde sagen, das Prinzip Hoffnung begann schon damals zu bröckeln. Sonst hätte Petrus in seinem Brief nicht solch großen Wert darauf legen müssen. Die Zeiten waren keinesfalls leichter als bei uns heute. Eher schwerer. Der Brief beginnt mit den Worten: „Petrus, ein Apostel Jesu Christi, an die Fremdlinge, die verstreut wohnen in Pontus, Galatien, Kappadozien – und noch anderen Orten. Die Christen waren geflüchtet und geflohen aus ihren Heimatländern. Es herrschten große Verfolgungen durch die Kaiser Nero, Domitian und Trajan. Sie lebten in der ständigen Gefahr, wegen ihres Glaubens bestraft zu werden oder gar ihr Leben zu verlieren. Die Weigerung, sich am Kaiserkult zu beteiligen, was einem Staatsverbrechen gleichkam, machte die Christen zu echten Außenseitern in ihren Gesellschaften. Reichte ihre Hoffnung aus, das auf Dauer zu ertragen?

Außerdem gingen die Jahre ins Land und Christus war bisher nicht wiedergekommen. Menschen wurden wegen ihres Glaubens umgebracht, andere wandten sich in ihrer Furcht vom christlichen Glauben ab und kehrten zum Kaiserkult zurück, wieder andere blieben lieber zuhause als in die Gemeinde zu gehen. Und die verstreuten Christen waren keine großen, dynamischen Gemeinden. Sie lebten mehr schlecht als recht in kleinen, verschwiegenen Gruppen, die sich eher heimlich als öffentlich trafen.

Es war eher so, dass die Hoffnungslosigkeit zunahm als die Hoffnung. Worauf sollen denn die Christen denn hoffen? Und in diese Situation hinein schreibt Petrus: In seinem großen Erbarmen hat Gott uns neu geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt. Diese Hoffnung gründet sich darauf, dass Jesus Christus vom Tod auferstanden ist“.

Die Hoffnung von uns Christen ist darin begründet, dass einer schon mal von den Toten auferstanden ist. In ihm hat Gott gezeigt, was der Welt blüht: ein Leben, in dem der Tod keinen Platz mehr hat, auch kein Leid, kein Geschrei, kein Schmerz. Das Reich Gottes.

Neu geboren mit einer lebendigen Hoffnung.

Wie erklärt man diese Hoffnung?

Nun, ich kann euch sagen, wie ich das verstehe. Hoffnung bedeutet für mich, dass ich fest daran glaube und darauf setze, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstanden ist. Das bedeutet für mich, dass nicht die Gewalt und die Angst am Ende gewinnen werden, sondern Gott. Der Gott, den ich als Vater Jesu Christi kennen gelernt habe und an den ich glaube. Er hat vom nahen Reich Gottes gesprochen und er hat es meines Erachtens so verstanden, dass wir Menschen die guten Werte Gottes im Leben erkennen und fördern sollen.

Gott stellt nicht die Macht oben an, er setzt nicht auf Gewalt und Zwang. Nein, Gott setzt auf Liebe und Barmherzigkeit. Er setzt auf Gerechtigkeit. Er setzt auf Einsicht und Freiwilligkeit. Er setzt auf Freundlichkeit, auf Maßhalten, auf Demut. Darauf, dass letztlich das Recht siegt und nicht der Stärkere. Und Gott setzt auf Gnade. Er setzt deshalb auf Gnade, weil wir Menschen immer und immer wieder an den oben genannten Dingen scheitern. Selbst wenn wir noch so gute Menschen wären, wir bleiben immer wieder etwas schuldig. Und deshalb setzt Gott auf Gnade. Keine billige Gnade, die man  nachgeschmissen bekommt. Sondern wie Bonhoeffer es einmal gesagt hat, auf eine teure Gnade, die uns Menschen durchaus auch unsere Schuld vor Augen malen kann. Wir sollen ruhig sehen was wir anrichten.

Und weil Jesus Christus, der von einem solchen Reich Gottes gesprochen hat, nicht einfach umgebracht und verscharrt worden ist, sondern auferstanden ist, deshalb kann ich glauben, dass diese Idee vom Leben nicht bloß ein frommer Wunsch ist.

Man kann, wie es die Humanisten tun, natürlich auch feststellen, dass diese Werte von denen Jesus Christus sprach, auch gültig und wichtig sind ohne dass man dafür an Gott glauben muss. Das mag durchaus sein. Die Werte der Menschlichkeit gelten auch ohne Gott und Jesus Christus.

Aber der Glaube an Jesus Christus macht diese Werte noch zu etwas anderem als nur zu einer humanistischen Idee. Er macht sie zur Idee Gottes vom Leben. Und gibt ihnen damit noch eine ganz andere Gültigkeit. Es sind nicht nur wir Menschen, die darauf kommen, dass wir Menschen doch bitte menschlich miteinander umgehen sollen. Es ist Gott, der sagt: als meine Ebenbilder möchte ich, dass ihr wahrlich Menschen seid, die menschlich miteinander leben.

Weil ihr hier immer wieder schuldig werdet, biete ich euch an, auch dieses Problem für euch zu lösen. Jesus Christus stirbt für euch und macht euch so deutlich, wie groß die Schuld ist und wie groß meine Gnade. Weil ich euch gnädig bin, könnt auch ihr letztlich gnädig miteinander umgehen. Trotz Schuld.

Die Auferstehung Jesu von den Toten macht aus einer guten menschlichen Idee, eine göttliche Idee. Macht deutlich, dass Gott für diese Art von Leben steht. Und dass diese Idee auch über den Tod hinaus gültig ist. Der Tod beendet nicht die Idee von einem menschlichen Umgang miteinander.

Dass ich daran festhalten möchte und immer wieder festhalte, ist für mich Hoffnung.

Vieles im Leben kann einem die Kraft rauben. Man ist müde, man sieht das eigene Elend. Man macht Fehler. Man enttäuscht andere. Man enttäuscht sich selbst. Und dann sieht man so viel Gewalt und Krieg. Menschen töten Menschen. Oft setzt sich nicht der Friedvollere durch, oder der Gnädigere oder der Gerechtere. Man hat an vielen Stellen in unserem Leben das Gefühl, der Stärkere und Mächtigere setzt sich durch. Und sie scheinen damit durchzukommen. Die Angst nimmt zu, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Angst nimmt zu, es nicht zu schaffen. Angst, nicht zu überleben. Angst am Ende der Dumme zu sein. Angst raubt einem die Hoffnung.

Diese Angst mündet in Resignation. Lange bevor man am Ende der eigenen Möglichkeiten angekommen ist. Angst verhindert, dass man weitergeht. Angst lässt einen aufhören, bevor es zu Ende ist.

Schon im normalen Leben sehen wir, dass man es ohne Hoffnung nicht schafft, bis zum Ende durchzuhalten. Das sieht man nicht nur in Fußballspielen oder überhaupt beim Sport. Man sieht es auch, wenn wir krank sind oder wenn wir schwere Zeiten durchleben und Dinge nur noch missglücken. Das sieht man in der Politik und in der Wirtschaft.

Gerade weil Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, können wir daran festhalten, dass nichts zu Ende ist, bevor es zu Ende ist. Und zu Ende ist es noch nicht einmal mit dem Tod.

Adam Hamilton schreibt in seinem Buch: Auferstehung bedeutet, dass das Schlimmste nie das Letzte ist“.

Was bedeutet das konkret im Leben? Für mich bedeutet dies, dass man Christen an ihrem langen Atem erkennt. Oder vielleicht erkennen sollte.

In einer Predigt habe ich gelesen: „Wir leben in einer ungeduldigen Welt. Wer nicht auf den Himmel hofft, der muss auf Erden alle Lösungen parat haben -oder er resigniert“.

Es ist mitunter ein schwieriger Weg zwischen Allmachtsfantasien und Ohnmachtsdepressionen. Wir lassen uns nicht beirren. Weder als Einzelne noch als Gemeinde. Wir gehen unseren Weg des langen Atems und hoffen auf ein gutes Ende. Wir widerstehen denen, die uns Hauruck- oder Patentlösungen anbieten, die den Himmel auf Erden errichten oder erkämpfen wollen. Wir widerstehen aber auch denen, die in Apathie und Resignation verfallen und sich vor der Hölle auf Erden wegducken und klein beigeben wollen.

Es ist mitunter ein wenig spektakulärer Weg, dieser Weg einer lebendigen Hoffnung. Er führt durch diese Welt und hofft das Beste für sie. Wir beten zu Gott und hoffen auf seine unendlichen Möglichkeiten. Wir wissen aber zugleich um unsere eigenen Grenzen.

Seit über 2000 Jahren gehen Christen und Gemeinden nun diesen Weg. Und sie bekennen gemeinsam: Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten. In der Zwischenzeit bauen wir Kirchen und Kindergärten, Krankenhäuser und Altersheime. Wir kümmern uns um diejenigen, die Hilfe brauchen und geben uns die größte Mühe, auch Flüchtlinge unter uns willkommen zu heißen. Wir gestalten Gemeindeleben und feiern Gottesdienste, in denen wir die Hoffnung, die uns die Auferstehung Christi geschenkt hat, hoch halten und feiern. Im gemeinsamen Lob, im gemeinsamen Gebet, Wort und Sakrament. Vieles davon ist nicht staatstragend, bringt nicht immer neue Christen hervor oder ist immer hochheilig. Vieles ist alltäglich und mitunter banal.

Nach den Brüsseler Anschlägen hat der Kölner Kardinal Woelki gesagt, dass wir jetzt, eine Tage danach, nicht einfach wieder zur Tagesordnung zurückkehren können und Ostern feiern als ob nichts geschehen wäre.

Natürlich sind wir erschüttert und versuchen, mit den vielen Opfern mitzutrauern. Natürlich entsteht dort auch Angst um das eigene Leben. Aber was gäbe es angesichts solcher Anschläge für eine bessere Reaktion als mit Ostern die Hoffnung für die Welt zu feiern und zu proklamieren. Das ist unsere Tagesordnung. Wir setzen dem Schrecken dieser Welt die Hoffnung des Auferstandenen entgegen.

Der 89jährige Theologe Jürgen Moltmann sagte vor einigen Tagen in Tübingen: „Angst ist eine Vorwegnahme des Terrors, Hoffnung ist eine Vorwegnahme der Freude.

In der Stuttgarter Zeitung konnte man am 29. März anscheinend lesen: „Man muss die Angst in sich überwinden, und das geht nur über die Kraft der Hoffnung.“

Ehrlich gesagt, ich bevorzuge die Hoffnung. Daran will ich festhalten und lade euch ein, es ebenfalls zu tun. Wie heißt es im ersten Petrusbrief: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! In seinem großen Erbarmen hat er uns neu geboren und mit einer lebendigen Hoffnung erfüllt. Diese Hoffnung gründet sich darauf, dass Jesus Christus vom Tod auferstanden ist.

4 Sie richtet sich auf das neue Leben, das Gott schon jetzt im Himmel für euch bereithält als einen Besitz, der niemals vergeht oder verdirbt oder aufgezehrt wird.

5 Wenn ihr Gott fest vertraut, wird er euch durch seine Macht bewahren, sodass ihr die volle Rettung erlangt, die am Ende der Zeit offenbar wird.“

Das ist unsere Hoffnung, darauf setzen wir.

Amen

Copyright Pastor Markus Bauder, April 2016

Beitrag veröffentlicht am: 15.09.2016