Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag

Predigttext: Galater 4,4-7

Hauptanliegen: Gott sandte seinen Sohn, damit aus Knechten und Mägden Söhne und Töchter werden. Und diese Vorstellung hat Auswirkungen auf unseren Glauben und auf unser Leben.
Wenn ihr nach dem heutigen Gottesdienst einen Gedanken aus der Predigt mitnehmen könntet, wäre ich sehr froh. Er lautet: Der Gott des Himmels und der Erde hält mich (also dich) für würdig, nicht sein Knecht oder seine Magd zu sein, sondern sein Sohn, bzw. seine Tochter. Und das hat Auswirkungen auf unseren Glauben und unser Leben.
Weihnachten soll dir dieses Jahr nicht nur schöne Geschenke, gutes Essen und nette Erfahrungen in der Familie oder im Freundeskreis bescheren. Wenn das so war und ist, dann ist das schon sehr schön. Aber es gibt noch etwas. Weihnachten soll dir auch bewusst machen, dass du in Gottes Augen etwas ganz besonderes bist.
Dein Nebensitzer oder deine Nebensitzerin übrigens auch.
Ich sage das deshalb gleich dazu, denn es ist wichtig, dass, wenn wir nach der Predigt in den Spiegel schauen und uns beglückwünschen, wir das nicht auf Kosten unseres Nebensitzers oder Nebensitzerin machen. Die dürfen das nämlich auch.
Ich lese euch den dazu gehörenden Text aus dem Galaterbrief vor. Da steht:
Als aber die Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn. Der wurde als Mensch geboren und dem Gesetz unterstellt, um alle zu befreien, die unter der Herrschaft des Gesetzes standen. Durch ihn wollte Gott uns als seine mündigen Söhne und Töchter annehmen.
Weil ihr nun Gottes Söhne und Töchter seid, gab Gott euch den Geist seines Sohnes ins Herz. Der ruft aus uns: „Abba! Vater!“
Du bist also nicht länger Sklave, sondern mündiger Sohn und mündige Tochter, und wenn du das bist, dann bist du nach Gottes Willen auch Erbe: Du bekommst, was Gott Abraham versprochen hat.
Fast scheint es, als ob Gott sich umschaut und denkt: Was machen die denn da? Da gebe ich mir alle erdenkliche Mühe um meinen Menschenkindern ein riesengroßes Geschenk zu machen. Und die kapieren es nicht. Die nehmen es nicht an. Die tun so als hätte Weihnachten nicht stattgefunden. (Streng genommen natürlich Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten zusammen – aber ich konzentriere mich heute mal auf Weihnachten).
Die tun so als wäre ich nicht einer der Ihren gewesen. Die tun so als wäre ich nicht auf diese Welt gekommen. Die tun so als wären sie immer noch rechtlose Sklaven eines übermächtigen und absoluten Herrschers…
Das, was Paulus da schreibt, ist der Versuch, den Galatern etwas begreiflich zu machen, was ja auch wirklich nicht so einfach zu verstehen ist. Und man könnte sogar sagen, dass sich das durch das ganze Neue Testament zieht. Und nicht nur das – es zieht sich durch die ganze Kirchengeschichte.
Es ist der ständige Kampf darum, ob der christliche Glaube dasselbe ist wie andere Religionen. Und damit die Fortsetzung derselben mit anderen Begriffen. Oder ob der christliche Glaube etwas neues, völlig anderes ist. Ein ganz anderer Weg. Eine völlig neue Weise, wie Gott sich uns Menschen zeigt und wie er sich unser Menschsein denkt.
Es ist klar, worauf ich hinauswill – der christliche Glaube ist eben nicht die Fortsetzung einer Religion mit anderen Begriffen. So als ob früher das Wort Baal durch Gott ersetzt wird. Und jetzt wird das Wort Gott durch Jesus Christus und den Heiligen Geist ersetzt.
Wenn das so wäre, dann würde es beim Christsein um dieselben Dinge gehen wie in anderen Religionen. Oder wie es Martin Luther formuliert hat: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“
Was muss man tun um Gott zu gefallen. Welche Opfer muss ich bringen? Welche Werke muss ich tun? Wie oft muss ich in die Kirche? Wie oft muss ich beten? Wie oft muss ich in der Bibel lesen?
Und man tut so, als ob es für alle Fragen immer ein richtig und ein falsch gibt. Für oder gegen. Oder zumindest besser und schlechter. Steuern zahlen, Atomkraft, Homosexualität, Biokaffee, ökologischer Landbau, Windenergie, den 10nten opfern, Sonntagsarbeit, Sterbehilfe, usw
Paulus nennt das die Menschen, die dem Gesetz unterstellt sind. Man muss im Prinzip im Leben einfach nur alles richtig machen. Und es gibt auch jemand oder etwas, das dir genau sagt wie das geht.
Es ist das Leben eines Knechtes oder einer Magd. Angestellt, letztlich nicht selbst verantwortlich. Die tun einfach das, was man ihnen sagt. Die haben mehr oder weniger geregelte Arbeitszeiten. Die brauchen sich letztlich auch über Sinn eines Gesetzes keine Gedanken machen. Es ist halt so. Angestellte Gottes. Ausführende Organe eben. Knechte, Mägde – Anstellte eben. Die haben durchaus auch mal eine hohe Stellung und besondere Verantwortung. Aber sie handeln nicht frei und eigenverantwortlich. Knechte und Mägde waren damals auch keine Rechtspersonen. Sie handelten immer „im Auftrag“ und mussten gehorchen.
Aber – und da wird deutlich, dass das auch Vorteile hatte und hat – sie konnten vielleicht auch gehen, wenn die Arbeitszeit um war. Sie waren – wie es im Johannesevangelium an anderer Stelle eher negativ gesagt wird – eben Mietlinge. Die abhauten wenn der Wolf kam und denen die Schafe dann auch mal ziemlich egal sein konnten. Sie waren eben nicht Söhne und Töchter.
Sohn und Tochter Gottes zu sein ist etwas anderes, neues.
Man hat damals durchaus den Begriff Sohn Gottes oder vielleicht sogar Tochter Gottes gekannt, aber es gab nur einen, den man so genannt hat – den König. Der König von Ägypten bezeichnete sich als Sohn Gottes.
Die Konsequenzen dieser Vorstellung waren beeindruckend: er stand völlig außerhalb des Gesetzes. Es gab keinerlei Handhabe, ihn zu belangen. Er war völliger und absoluter Herrscher. Niemandes Untertan. Und sein Wort war für die anderen absolutes Gesetz. Gott sprach direkt zu ihm oder ihr. Ohne dass es weitere Mittler wie Priester oder Propheten brauchte. Und – das Königsrecht wurde vererbt. Man hat nicht gewählt.
So ein bisschen steckt diese Vorstellung mit drin, wenn im Neuen Testament von Sohn oder Tochter die Rede ist und Paulus von dem Sein unter dem Gesetz spricht. Unter dem Gesetz ist Knecht und Magd, nicht Sohn oder Tochter. Man stelle sich mal vor, wir seien tatsächlich Söhne und Töchter Gottes.
Im Gleichnis vom verlorenen Sohn wird das auch deutlich. Was sagt der Vater zum älteren Sohn: was mein ist, das ist auch dein. Und – ohne, dass es ausdrücklich dazugesagt wird – du hättest damit machen können was du willst. Du bist Sohn – nicht Knecht. Miteigentümer, gleichberechtigter Erbe. Eigenverantwortlich.
Der Unterschied ist ein Bewusstsein, eine eine Lebenshaltung. Ein Angestellter wird für sein Tun bezahlt, ein Sohn, eine Tochter wird nach diesem Verständnis überhaupt nicht bezahlt. Ihm, bzw. ihr gehört ja alles. Sie kann sich einfach nehmen was sie braucht. Eine völlig andere Lebenshaltung. Ein anderes Bewusstsein.
Mir gefallen so alte Ritterfilme – oder auch Science Fiction wie Herr der Ringe – da gibt es Söhne und Töchter von Königen. Da kann man ein bisschen nachempfinden wie das gemeint ist. Die haben sehr, sehr große Freiheiten. Letztlich entscheidet nur der eigene Vater darüber, ob ihr Handeln in seinen Augen recht ist oder nicht. Es gibt kein Bürgerliches Gesetzbuch und wenn, dann ist es nur für die Bürger da, aber nicht für den König oder seine Söhne und Töchter.
Paulus unterstreicht das. Ihr seid nicht unter dem Gesetz. Ihr seid Söhne und Töchter Gottes und nur ihm gegenüber verantwortlich.
Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Ihr seid frei.
Unglaublich. Söhne und Töchter Gottes. Nicht von der Meinung der Menschen abhängig. Nicht vom Bürgerlichen Gesetzbuch abhängig. Ja, über unser Leben richtet Gott. Niemand sonst. Natürlich gibt es hier auf Erden Recht und Ordnung und das ist auch wichtig und richtig so. Aber in Ewigkeit entscheidet über unser Leben nur Gott. Und es mag sogar Situationen geben, in denen für uns die weltliche Ordnung der göttlichen zuwider läuft. Wie z.B. im Dritten Reich.
Ist das nicht unglaublich?!
Ich glaube, das muss man uns Christen immer mal wieder sagen, weil wir uns viel zu oft benehmen wie Knechte und Mägde. Wie kleinkarierte Angestellte, die ständig und dauernd nur darauf achten, dass Gott oder andere ihnen nicht auf die Finger klopfen.
Wir sollen uns an Jesus Christus ein Beispiel nehmen. Er hat uns vorgelebt was es heißt, Sohn oder Tochter Gottes zu sein. Er hat zwar gesagt, dass man dem Kaiser geben soll, was dem Kaiser gehört. Er hat aber auch gesagt, dass man Gott mehr gehorchen soll als den Menschen.
Man hat oft das Gefühl in den Evangelien, dass Jesus durch die Ausschließlichkeit, mit der er sich Gott untergeordnet hat, sehr frei im Umgang mit seinen Mitmenschen war. Sehr selbstbewusst. Sehr authentisch. Sehr echt und geradlinig.
Von diesem Sohn- oder Tochterbewusstsein wünsche ich uns mehr.
Wahrscheinlich sitzen unter euch auch ein paar, die jetzt denken, dass eine solche Haltung doch auch gefährlich ist. Man muss doch trotz allem auch vom Gesetz reden. Oder wenigstens von Regeln. Davon, dass Gott eben gerade nicht sagt, dass alles erlaubt ist. Es gibt doch Dinge, die Gott wichtig sind. Und die er auch einfordert.
Unser Text gibt mir heute die Richtung vor. Da steht: Weil ihr nun Gottes Söhne und Töchter seid, gab Gott euch den Geist seines Sohnes ins Herz. Der ruft aus uns: „Abba! Vater!“
Das soll das Kriterium sein. Wer zu Gott „Vater“ sagen kann – oder von mir aus auch „Mutter“ – der ist auf der richtigen Spur. Dazu gehört für mich auch, dass wir das Leben Jesu, als des Sohnes Gottes schlechthin, anschauen. Dort wird uns erzählt, wie Gott sich das mit dem Sohn Gottes vorstellt. Wie ein Sohn oder eine Tochter so lebt. Was sie wichtig finden sollen und was nicht. Wie sie mit anderen umgehen und wie nicht. Welche Vorstellung sie von Gott haben und welche nicht.
Darin steckt eine große Freiheit.
Natürlich eine verantwortete Freiheit. Aber es ist die große Freiheit der Kinder Gottes.
Ich verstehe das so, dass uns diese Freiheit auch einen großen Freimut einräumen will. Das zu tun, was dran ist und was richtig ist. Dass wir uns auch zutrauen, das zu wissen und zu spüren. Als Einzelne, aber auch als Gruppe, als Gemeinde.
Zurzeit vielleicht – sich für Flüchtlinge einsetzen. Der Kindermord von Bethlehem machte aus der kleinen Familie um das Jesuskind eine Flüchtlingsfamilie, die im fernen Ägypten Zuflucht finden musste. Welche unglaubliche Aktualität?! Auch heute müssen Menschen fliehen, weil es andere gibt, die vor keiner Gewalttat zurückschrecken. Martin Mezger kommentierte das gestern in der Esslinger Zeitung so: Das Geschehen um Bethlehem unterstreicht damit den hohen Einsatz, den der weihnachtliche Originaltext jenseits von Friede, Freude und Christkindkitsch allen Menschen guten Willens zumutet. Und – die Aktualität liegt auf der Hand, die Schande ebenso: Dass Tausende unter dem Banner von „Pegida“ und Ablegern durch die Straßen ziehen, ist ein himmelschreiender Affront gegen jeden weihnachtlichen Geist.
Die Freiheit, die hier gemeint ist, ist niemals eine „Alles-ist-mir-erlaubt“-Freiheit oder eine „Ist-mir-doch-egal-ich mach-was-ich-will“-Freiheit. Es ist die Freiheit derer, die sagen – unabhängig davon, was andere sagen, ich bemühe mich, das Richtige zu tun. Unabhängig davon, ob es mich etwas kostet – ich bin ein Sohn, eine Tochter Gottes. Ich bin Gott gegenüber verantwortlich. Das genügt.
Wenn wir zu Gott ernsthaft und tatsächlich Vater sagen, Vater sagen können – nicht nur im Sinne einer christlichen Formulierung, die man uns beigebracht hat und die wir völlig gedankenlos verwenden.
Sondern so wie die Menschen damals: „ Wie – ich kann zu Gott, dem Schöpfer des Universums tatsächlich so vertraut „Vater“ oder gar „Papa“ sagen – so nahe ist er mir?!“
Dann werde ich auch versuchen, dieser Vertrauensstellung gerecht zu werden. Und diese Freiheit mit Mut leben. Aufrecht und frei.
Deshalb kam Gott, kam Jesus auf diese Erde. Das will er sehen. Und wir sollten ihm und uns gegenseitig zeigen, dass wir das verstanden haben.
In diesem Sinn wünsche ich uns frohe Weihnachten.
Amen

Copyright Pastor Markus Bauder Dezember 2014

Beitrag veröffentlicht am: 15.09.2016